Das Programm der neuen Kinowoche verteilt sich ausgewogen über verschiedene Sparten und Genres. So befinden sich unter den Kinostarts zum Beispiel Zhang Yimous bildgewaltiges Actionabenteuer „The Great Wall“ und der Animationsfilm „Ballerina“. Um die Nöte dreier italienischer Teenager zwischen Schulmobbing, Liebe und Homophobie geht es in dem Drama „Ein Kuss“. Mit „Bob, der Streuner“ schafft es Regisseur Roger Spottiswoode, die Memoiren des ehemaligen englischen Obdachlosen und Katzenfreundes James Bowen berührend, aber nicht allzu kitschig zu verfilmen. Der auf Youtube berühmt gewordene Kater Bob spielt sich darin übrigens selbst.
Regisseur Chris Kraus schildert in „Die Blumen von gestern“ mit überraschend viel Humor, wie sich zwei Vertreter der Enkelgeneration mit dem Holocaust auseinandersetzen. In der Komödie „Why Him?“ trifft ein Mann aus dem Mittleren Westen den rüpelhaften neuen Freund seiner Tochter, der im Silicon Valley unglaublich viel Geld verdient. James Franco mimt den jungen Bürgerschreck genüsslich, schließlich hat er mit solchen Rollen bereits Erfahrung. Beachtung verdienen auch der moderne Western-Krimi „Hell or High Water“ und natürlich der große Golden-Globes-Gewinner „La La Land“.
La La Land
Regie: Damien Chazelle, Verleih: Studiocanal
Die erste Begegnung des Jazzmusikers Sebastian (Ryan Gosling) mit der angehenden Schauspielerin Mia (Emma Stone) verläuft unerfreulich. In einem der täglichen Staus in Los Angeles geraten sie kurz aneinander. Aber wer in Hollywood sein Glück machen will, läuft sich früher oder später wieder über den Weg. Sebastian liebt den echten Jazz und will keine Zeitgeist-Kompromisse eingehen. Mia spricht immer für Rollen vor, ohne damit Erfolg zu haben. So kommen beide mit ihren künstlerischen Plänen nicht recht voran. Aber die Liebe verleiht ihnen Flügel.
Der Regisseur von „Whiplash“, Damien Chazelle, hat den guten alten Musical- und Tanzfilm wiederentdeckt. Wo sie gehen und stehen, können Mia und Sebastian urplötzlich in Gesang ausbrechen und ein paar Tanzmoves auf den Asphalt legen, wie sie auch von Fred Astaire und Ginger Rogers stammen könnten. Die Bilder sind sehr bunt und damit auch ein wenig irreal, wie der zeitlose Geist der Traumfabrik selbst. So wird dieser absolut ungewöhnliche Film, der trotz allem auch deutlich im Hier und Jetzt verankert ist, zum Fest für die Sinne. Und dieses kommt am besten auf der großen Leinwand zur Geltung. Dafür gab es gerade sieben Golden Globes.
Hell or High Water
Regie: David Mackenzie, Verleih: Paramount Pictures
Nach dem Tod seiner Mutter will Toby (Chris Pine) unbedingt die elterliche Ranch in Texas retten. Aber sie droht an die Bank zu fallen, weil die Hypotheken nicht bezahlt werden können. Also wendet sich der geschiedene Mann, der an die Zukunft seiner beiden Söhne denkt, an Tanner (Ben Foster), seinen älteren Bruder. Der kommt gerade aus dem Knast. Die Brüder überfallen nun verschiedene Zweigstellen der Bank, der sie Geld schulden. Aber der alte Texas Ranger Marcus Hamilton (Jeff Bridges), der kurz vor der Rente steht, ist ihnen dicht auf den Fersen.
Regisseur David Mackenzie und Drehbuchautor Taylor Sheridan („Sicario“) finden in Texas die Folgen der Wirtschaftskrise vor. Landbewohner verlieren ihre Häuser an die Banken, ziehen fort. Die Filmemacher sehen darin eine Parallele zum Landraub, den einst die Weißen an den Indianern verübten. Auch sonst erkennen sie in der Gegenwart Bezüge zur legendären Wildwest-Vergangenheit. Und der alte Texas Ranger – eine Paraderolle für Jeff Bridges -, freut sich, dass er noch einmal richtig losballern kann. Der stimmungsvolle Crime-Western verfügt auch über Humor, aber die Melancholie dominiert.
Die Blumen von gestern
Regie: Chris Kraus, Verleih: Piffl Medien
Der Holocaust-Forscher Totila Blumen (Lars Eidinger) neigt zu aggressiven Ausbrüchen. Dabei erträgt er sich selbst kaum, denn er ist der Enkel eines Nazi-Täters. Zazie (Adèle Haenel), seine neue Praktikantin aus Frankreich, ist die Enkelin eines Holocaust-Opfers und ebenfalls höchst unbeherrscht. Merkwürdigerweise raufen sich die beiden jedoch ganz gut zusammen und erlösen sich gegenseitig aus ihrer geistigen Isolation.
Chris Kraus („Vier Minuten“) beschäftigt sich in dieser Dramödie mit der Enkelgeneration des Holocaust aus einer erfrischenden Perspektive. Obwohl, oder gerade weil sie so sehr unter der Geschichte ihrer Großeltern leiden, haben sich Totila und Zazie irgendwie verrannt. Sie schaffen es nicht, ihren Frieden mit sich selbst zu machen. Lars Eidinger und der französische Jungstar Adèle Haenel bringen die Kinoleinwand mit ihrer Energie zum Knistern. Ihre unberechenbaren Figuren ziehen die Aufmerksamkeit gekonnt auf sich, bis sich deren inneres Drama so richtig entfalten kann. Der kraftvolle Film nähert sich dem Thema angemessen aus heutiger Perspektive und überrascht mit seiner frischen Authentizität.
Bianka Piringer
Fotoquelle(n): Studiocanal, Paramount Pictures, Piffl Medien